Esca stellt bereits seit Anbeginn des Weinbaus eine der größten Bedrohungen für die Weinberge in aller Welt dar. Trotz weltweit intensiver Forschung an diesem komplexen Syndrom, konnten bislang keine zufriedenstellenden Methoden zu seiner Bekämpfung entwickelt werden. Es sind zahlreiche biotische und abiotische Parameter bekannt, die seine Entwicklung begünstigen oder verzögern können, beispielsweise die Wahl der Unterlage und der Rebsorte, das Aufbindeverfahren, die Rebschnittmethode, das Alter der Parzelle,der Wasserhausalt oder die Bodenart; allerdings stellen die Schwierigkeiten, die Symptome unter kontrollierten Bedingungen zu reproduzieren, ein Hindernis für das Verstehen und Bekämpfen dieses Syndroms dar.

Oft wurde von Winzern der Verdacht geäußert, dass die Qualität des Pflanzmaterials beim Auftreten von Esca eine Rolle spielt. Die Wahl der Veredelungsmethode kommt dabei eine besondere Rolle zu. Im Lauf der Zeit konnten Wissenschaftler zwar nachweisen, dass Veredelung die Rebpflanze schädigt und somit eine Kontaminierung durch das lokale Mikrobiom begünstigt, aber keine Studie konnte einen Verdacht bezüglich einer angewandten Technik erhärten. Dies ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass ein Wissenschaftlerteam1 der Universität Bordeaux, dem Institut für Wein und Weinforschung (ISVV), Inra und Bordeaux Sciences Agro, mit Unterstützung von Worldwide Vineyards, beschloss, die Auswirkungen der Veredelungsmethoden auf die Blattsymptome von Esca zu studieren1.

Sie führten ihre Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahren an Parzellen in zwei französischen Weinbauregionen (Bordeaux und Provence) durch, die mit Cabernet-Sauvignon beziehungsweise Mourvèdre bepflanzt waren. Diese beiden Rebsorten wurden ausgesucht, weil sie für ihre Regionen repräsentativ und anfällig für Esca sind. Die Wissenschaftler untersuchten in situ die Ausprägung seiner Symptome an drei Veredelungsmethoden: Omega und Kopulation (in Baumschulen gebräuchlich), und Pfropfveredelungen, (direkt auf der Parzelle durchgeführt). Um schnelle Ergebnisse zu erhalten überwachten sie ein Netzwerk von 50, zwischen 1950 und 2000 bepflanzten Parzellen. Dadurch konnte Esca, die erst nach einigen Jahren auftritt, sofort beobachtet werden.

a. Pfropfveredelung b. Kopulation c. Omega-Veredelung

Apoplektische Form im Vergleich zu Blattsymptomen

Die apoplektische Form führt zu schnellem Absterben und Tod des gesamten Rebstocks, und tritt insbesondere im Sommer auf.

Die für die langsam verlaufende Form von Esca typischen Blattsymptome sind gelbe Streifen zwischen den Blattadern bei weißen und dunkelrotebei Roten Rebsorten. Symptomatische Blätter können austrocknen und abfallen (Nekrose).

Auf den Trauben können dunkle Punkte auftreten und in schweren Fällen können die Trauben aufplatzen und austrocknen oder geschädigt werden (eher in Nordamerika verbreitet und nicht Teil der Untersuchung).

Gepfropfte Rebpflanzen sind viel widerstandsfähiger

Im Verlauf der Studiendauer von zwei Jahren und bei beiden Rebsorten wiesen gepfropfte Rebpflanzen signifikant geringere Prozentsätze von Esca-Blattsymptomen auf, als die Omega- und Kopulation-veredelten Rebpflanzen. Im ersten Jahr der Studie wiesen weniger als 1 % der gepfropften Rebpflanzen Blattsymptome auf, während mehr als 6 % der Rebpflanzen, bei denen die anderen beiden Methoden angewandt worden waren, betroffen waren. 2014 war das Phänomen noch stärker ausgeprägt, mit noch immer unter 1 % betroffenen gepfropften Rebpflanzen im Vergleich zu mehr als 8 % bei den Kopulation und mehr als 10 % bei den Omega-Rebpflanzen.

Die gleiche signifikante Auswirkung der Veredelungsmethode wurde von den Wissenschaftlern bei der apoplektischen Form der Krankheit beobachtet, die sich auf den Parzellen mit Omega- und Kopulation-veredelten Rebpflanzen signifikanter auswirkte, als bei den gepfropften.

Durchschnittlicher Anteil von Esca-Rebpflanzen pro Jahr und pro Varietät (±Standardabweichung). “Gesamt“ ist der Durchschnitt von Cabernet-Sauvignon (CS) und Mourvèdre (M) Parzellen. Die Untersuchungen erfolgten pro Jahr und pro Varietät. Unterschiedliche Buchstaben über den Balken zeigen signifikante Unterschiede zwischen den Veredelungen an (mit P < 0.05).

Die Kontamination tritt in jungem Alter auf

Wie lassen sich solche Unterschiede erklären? Diese Ergebnisse könnten auf die ersten Lebensjahre der Rebpflanzen zurückgehen. Wissenschaftler haben in Zusammenhang mit den Praktiken in Baumschulen (Wässerung, Entknospen, Kallusbildung, Wurzelbildung, usw.) häufig hohe Anteile von Pilzbefall festgestellt2. Da Pfropfveredelungen an den Unterlagen direkt auf dem Feld ausgeführt werden, sind diese Rebpflanzen weniger der Handhabung in einer “feindlichen Umgebung“ ausgesetzt, wodurch sie bessere Chancen haben, gesund zu bleiben.

Diese Schlussfolgerung lässt sich auch mit anderen Annahmen begründen, wie etwa der qualitativ besseren Propfmethode, dank derer eine größere Kontaktfläche zwischen den Kambien der Unterlage und dem Edelreiser besteht, wodurch die Nekrosegefahr gesenkt und die Ausbildung des zukünftigen Pflanzengefäßsystems gefördert wird. Außerdem wird diese Maßnahme an bereits gut verwurzelten Unterlagen durchgeführt, was den Rebpflanzen gestattet, für die Entwicklung und Leistungsfähigkeit ihrer neuen Gefäßsysteme ein Maximum an Ressourcen einzusetzen.

Große Unterschiede zwischen den Parzellen

Die Autoren der Studie weisen auf einen ausgeprägten lokalen Effekt hin. Die angegebenen Prozentsätze von von der langsam fortschreitenden Form von Esca infizierten Rebpflanzen variierte zwischen 0 % bis über 40 %, insbesondere bei Parzellen, die mit Omega- und Kopulationsmethoden veredelt waren. Die Literatur lässt vermuten, dass dies mit dem Anpflanzen infizierter Chargen zusammenhängt, die aus der Großproduktion von Baumschulen mit schlechten hygienischen Bedingungen stammen3.

Kopulation ist keine geeignete Alternative

Es gilt zu beachten, dass die Autoren der Untersuchung vor einem möglicherweise ihre Statistiken verfälschenden Faktor warnen, der aufgrund des Altersunterschieds zwischen den Omega-veredelten Parzellen (etwa 20 Jahre alt) und den anderen beiden veredelten Parzellen (über 40 Jahre alt) besteht. Man weiß, dass Weinberge im Alter von 15 bis 25 Jahren dem Auftreten von Esca am stärksten ausgesetzt sind4. In dieser Studie hatten aber nur die gepfropften Parzellen und die Kopulations-Parzellen dasselbe Alter, wodurch die Gültigkeit des Vergleichs sichergestellt ist. Die Omega-veredelten waren jünger, was der in jüngerer Zeit erfolgten Entwicklung dieser Technik geschuldet ist, die die anderen Methoden zu Beginn der 1980er Jahre aufgrund der niedrigeren Produktionskosten verdrängt hat. Aus diesem Grund ist lediglich der Vergleich zwischen den gepfropften Parzellen und den Kopulations-Parzellen wissenschaftlich zulässig und es kann kein abschließendes Urteil über die Omega-Veredelung gefällt werden. Allerdings weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass die in Baumschulen mechanisch durchgeführte Kopulationstechnik, keine geeignete Alternative gegenüber der Omega-Technik darstellt.

Die Annahmen über die Omega-Veredelung müssen durch neue Experimente überprüft werden, bei denen diese drei Veredelungsmethoden auf derselben Parzelle platziert sind. Es laufen Untersuchungen, aber es wird noch Zeit erforderlich sein, bis die ersten Esca-Blattsymptome zu beobachten sind und weitere Klarheit über die an diesem Syndrom beteiligten Faktoren gewonnen werden kann.

Notes