Als kurzfristige Anpassungsstrategien werden Maßnahmen definiert, welche innerhalb einer Vegetationsperiode oder von einem jahr zum nächsten umgesetzt werden können. Einige Beispiele sind unten aufgeführt; die Liste erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Abbildung 1. Zusammenfassung der kurzfristigen Anassungsmöglichkeiten zur Abschwächung des Einfluss des Klimawandels auf den Weinbau.

Angepasstes Laubwandmanagement

Die Verfrühung der phänologischen Stadien gehört zu den bedeutsamsten Auswirkungen des Klimawandels. Dadurch wird die Reifezeit im Sommer in wärmere Phasen verschoben und die Zusammensetzung der Beeren (z. B. Säuren, Anthocyane, Aromastoffe und Zuckergehalt) sowie die Weintypizität1 verändern sich. Ein angepasstes Laubwandmanagement kann die Entwicklung der Weinrebe während der Saison verzögern und so suboptimal hohe Temperaturen oder sogar Hitzestress in der Reifephase vermeiden. Gezielte Maßnahmen zur Verringerung der Laubwandfläche haben sich bereits als effiziente Methoden zur Verzögerung des Reifungsprozesses erwiesen. Hierdurch kann die Photosynthese der Laubwand begrenzt und das Blatt/Frucht-Verhältnis verringert werden2. Beispielsweise kann eine Reduzierung des Blatt/Frucht-Verhältnisses auf weniger als 0,75 m2/kg kurz nach dem Fruchtansatz den Zeitraum zwischen Blüte und Reifebeginn um ungefähr 5 Tage verlängern3. Andere Maßnahmen wie ein später Winterschnitt (um den Knospenaufbruch) können ebenfalls den Austrieb (im Vergleich zum Winterschnitt in der Winterruhe) verzögern, was den Blüte und Reifebeginn um bis zu 5 Tage nach hinten verschieben kann4.

Anwendung von Sonnenschutzmitteln

Durch das Auftragen von Sonnenschutzmitteln, wie Calciumcarbonat (CaCO3), Kaolin (Al2Si2O5 (OH)4) und Kaliumsilikat (K2SiO3), entstehen inerte Partikelfilme auf Rebblättern, die den Pflanzenmetabolismus unter Hitze, Trockenheit und Strahlungsbeanspruchung verbessern können5. Beispielsweise hat Kaolin, ein chemisch inerter weißer Ton mit hohem Reflexionsvermögen, eine Blattkühlung und die Reduzierung von Blatt- und Beeren-Sonnenbrand zur Folge. Dies führt zu einer verbesserten Frucht- und Weinqualität unter starkem Hitzestress6. Die Anwendung von Kaolin kann weiterhin die Beeren-Zusammensetzung in Bezug auf Gesamtphenole, Flavonoide und Anthocyane verbessern, was zu erhöhten Antioxidationskapazitäten führt7. Andere Maßnahmen, wie die Verwendung von Schattennetzen, können ebenfalls die Sonneneinstrahlung verringern.

Zusatzbewässerung

In vielen europäischen Ländern wird die Weinrebe traditionell in Regionen mit ausreichenden Niederschlagsmengen angebaut. In einigen Regionen (z. B. in mediterranen Klimazonen) entspricht die saisonale Niederschlagsmenge jedoch nicht dem Wasserbedarf (~ 250 mm) für optimales Wachstum und Entwicklung8. Eine Zusatzbewässerung ist dort notwendig, um häufige Phasen mit Wassermangel zu überstehen und das erwartete Ertragsniveau aufrecht zu erhalten. Häufig erschweren die zusätzliche Kosten und regionale Beschränkungen (z. B. mit dem Ziel der Aufrechterhaltung einer spezifischen Weintypizität) die Zusatzbewässerung9. Angesichts der zunehmenden Verknappung der Wasserressourcen, sollten Zusatzbewässerungen möglichst wasserschonend durchgeführt werden. Beispielsweise sollte die Bewässerung in den frühen Wachstumsstadien (z. B. zum Austrieb) eingeschränkt werden und sich auf die empfindlichsten Stadien, wie die Entwicklung des Blütenstand und die Blütenbildungsprozesse, konzentrieren10. Um die Bewässerungsstrategie zu optimieren, sollten geeignete Bewässerungssysteme installiert werden. Obwohl preislich relativ teuer, empfehlen sich Tröpfchenbewässerungssysteme, welche eine gleichmäßige Wasserabgabe an alle Reben ermöglichen11. Der Pflanzenwasserstatus kann durch die Bestimmung des Stamm- oder Blatt-Wasserpotentials, des Stammdurchmessers oder durch Saftflussmessungen bestimmt werden, um darauf basierend die die Steuerung der Tröpfchenbewässerungssysteme zu optimieren12. Eine in mediterranen Klimazonen durchgeführte Studie zeigte, dass bei unterirdischer Tropfbewässerung das Verwenden einer Blattwasserpotentialschwelle zwischen –0,4 MP und –0,6 MPa in der Phase um den Reifebeginn geeignet war, eine optimale Wassernutzungseffizienz zu erzielen, ohne die Traubenqualität zu beeinträchtigen13. Für die Umsetzung einer optimierten Bewässerungsstrategie ist jedoch noch eine detaillierte Bewertung des Gesamtnutzens und der Gesamtkosten (z. B. Geländefaktoren, technische Lösungen und Wassereinsparungen) unter den zukünftigen klimatischen Bedingungen erforderlich14.

Bodenpflege

Eine angemessene Bodenpflege stellt ein wesentliches Anpassungsinstrument dar. Es trägt dazu bei, die Wasserversorgung und die Wüchsigkeit zu steuern und gleichzeitig Bodenerosionen zu vermeiden15 16. Bodenbearbeitungmaßnahmen können Bodenerosionen fördern. Die kann besonders insbesondere bei flachgründigen Böden in Steillagen zu Erosionen führen, welche unerwünschte Stickstofffreisetzungen und somit Beeinträchtigungen des Ertrages und der Traubenqualität zur Folge haben können17. Daher wird generell empfohlen, die Bodenbearbeitungmaßnahmen zu begrenzen. Weiterhin kann die Verwendung von Begrünung eine gute Anpassungsmaßnahme darstellen. Bei geringer Wasserverfügbarkeit sollten Begrünungspflanzen (z. B. selbstsäende einjährige Hülsenfrüchte) mit geringem Wasserbedarf und/oder mit positiven Effekten auf die Bodenfruchtbarkeit ausgewählt werden18. Im Gegensatz dazu können Grasbegrünungen in feuchten Phasen zum Einsatz kommen, um die Befahrbarkeit zu verbessern und gleichzeitig die Wuchskraft zu begrenzen19. Unter zukünftigen klimatischen Bedingungen mit höheren Temperaturen und verstärkter Evapotranspiration kann die Anwendung von organischen oder synthetischen Bodenabdeckungen (z. B. Kompost, Rinde oder Stroh) die Wasserrückhaltekapazität des Bodens verbessern, indem die Verdunstung verringert und der Oberflächenabfluss begrenzt wird20.

Pflanzenschutz

Viele Weinbauregionen könnten in der Zukunft bei höheren Temperaturen und veränderten Niederschlagsmustern einem erhöhten Risiko durch Schädlinge und Krankheiten ausgesetzt sein21. Unter den zukünftigen klimatischen Bedingungen sind sowohl Veränderungen im Auftreten der bereits vorhandenen Schaderreger sowie das Einwandern invasiver Schädlinge und Krankheiten zu erwarten22. Mögliche Anpassungsmaßnahmen umfassen z.B. die Bewässerung von Weinbergen, um Ausbrüche der Zikadenpopulation zu begrenzen23. Die Pflanzenschutzstrategie ist jedoch von dynamischen Prozessen geprägt, welche kontinuierliche Anpassungen und die Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse erfordert, um die komplexen zugrunde liegenden Mechanismen jeder spezifischen Situation besser zu verstehen24. Bekämpfungsstrategien (z. B. kombinierte Anwendung verschiedener Maßnahmen) können jedoch aus Regionen übertragen werden, in denen der Schaderreger bereits wirksam kontrolliert wird25.

Förderung: Diese Studie wurde im Rahmen des Projektes Clim4Vitis – “Climate change impact mitigation for European viticulture: knowledge transfer for an integrated approach”, gefördert durch das Horizon 2020 Research and Innovation Programme der Europäischen Union (grant agreement nº 810176), durchgeführt.

Notes